Ich hab nie von mir aus Lust – bin ich kaputt?

von | Apr. 2, 2025 | Leserfragen

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„Ich hab irgendwie nie von mir aus Lust. Da ist einfach… nix.“
Solche Sätze höre ich oft. Meist mit einem leisen Unterton von Scham. Von Selbstzweifeln. Manchmal auch von Frust, vor allem in Beziehungen: Warum habe ich keine Lust – oder jedenfalls nicht so, wie ich glaube, sie haben zu müssen?

Vielleicht hast du gar kein „Lustproblem“. Vielleicht begehrst du einfach anders.

Spontan vs. rezeptiv – was ist überhaupt gemeint?

In der klassischen Vorstellung läuft Begehren so:
Man spürt ein Kribbeln, ein Ziehen, eine Lust, die von innen kommt. Fast wie Hunger. Und aus dieser inneren Regung folgt das sexuelle Verhalten – man sucht Nähe, initiiert Sex, geht in die Aktivität. Dieses Muster nennt man spontanes Begehren.

Es ist wie ein inneres Feuer, das plötzlich aufflammt. Menschen mit diesem Lusttyp haben oft einfach Lust auf Sex, ohne dass vorher etwas geschehen muss.

Aber genau so funktioniert es längst nicht bei allen.

Viele Menschen spüren ihre Lust erst, nachdem etwas in Bewegung gekommen ist. Sie brauchen einen Reiz von außen – einen liebevollen Blick, eine Berührung, ein Gefühl von emotionaler Sicherheit. Erst dann kommt das Begehren in Gang: als Antwort, nicht als Auslöser. Dieses Muster nennt man rezeptives Begehren.

Das macht sie nicht weniger echt oder leidenschaftlich – nur eben anders.

Rezeptives Begehren: Wenn Lust sich rühren lässt

Menschen mit rezeptivem Begehren spüren oft nicht von sich aus den Impuls, Sex zu wollen. Der Wunsch entsteht im Moment – manchmal aus einer Umarmung, einem Kuss, einem Gespräch, das Nähe schafft.

Aber das heißt nicht, dass sie langsam oder zögerlich ist.

Rezeptive Lust kann sich genauso plötzlich zeigen – manchmal fast überrumpelnd, wenn man sich gesehen fühlt, wenn eine Hand zur richtigen Zeit den Rücken entlangstreicht oder man spürt, wie sehr das Gegenüber einen begehrt. Dieses Begehren wirkt dann wie ein Funke, der etwas zum Knistern bringt, das vorher ganz harmlos wirkte.

Es ist also kein „langsames Hochfahren“. Rezeptive Lust hat nur ein anderes Startsignal – und das kommt von außen.

Leider wird genau dieses Muster oft übersehen. Denn unsere Gesellschaft feiert spontane Lust als die „richtige“ Lust. Wer sie nicht spürt, fühlt sich schnell ungenügend. Dabei ist rezeptive Lust nicht seltener – nur anders gestrickt.

Das Problem ist nicht dein Begehren – sondern die Erwartung daran

Wer in einer Beziehung lebt, in der spontane Lust als Maßstab gilt, kann sich mit rezeptivem Begehren schnell falsch fühlen. „Du willst mich nie“, wird dann vielleicht gesagt. Oder gedacht. Dabei wäre eine bessere Frage: Was brauchst du, um Lust überhaupt spüren zu können?

Wenn wir davon ausgehen, dass Lust zuerst da sein muss, bevor Nähe entstehen darf, schließen wir einen riesigen Teil an Intimität aus. Dabei ist es vollkommen legitim, sich auch mal einladen zu lassen – und erst dann zu spüren: „Oh. Jetzt hab ich Lust.“

Gerade in Partnerschaften hilft es enorm, wenn offen über solche Unterschiede gesprochen werden kann – auch dann, wenn es manchmal schwerfällt, Worte für das eigene Lustempfinden zu finden. Eine achtsame, klare Sprache kann Brücken bauen, wo sonst Missverständnisse wachsen. Wie hilfreich offene Kommunikation für die Sexualität sein kann, zeigt sich besonders, wenn die Lustmuster unterschiedlich sind.

Dass spontanes Verlangen längst nicht für alle Menschen typisch ist, wird auch wissenschaftlich immer wieder betont – etwa in einem Artikel auf The Conversation, der mit Vorurteilen über „normale“ Lust aufräumt und rezeptives Begehren als verbreitet und gesund beschreibt.

Verlangen ist kein Wettbewerb. Und kein Dauerzustand.

Und was heißt das jetzt konkret?

Wenn du dich in der Beschreibung des rezeptiven Begehrens wiederfindest, könnte das vieles erklären. Vielleicht warst du nie „lustlos“ – sondern wurdest einfach nie richtig abgeholt. Vielleicht hat niemand dich gefragt, was deine Lust braucht. Vielleicht hattest du auch nie die Ruhe, das selbst herauszufinden.

Der Weg zu erfüllter Sexualität führt dann nicht über „mehr Spontaneität“, sondern über mehr Raum:
Für Berührung ohne Ziel. Für Gespräche ohne Druck. Für Situationen, in denen Nähe entstehen darf, ohne dass sie sofort performt werden muss.

Auch das Teilen deines eigenen Lustmusters kann ein Gamechanger sein – gerade in Beziehungen. Wer weiß, dass du nicht „verweigerst“, sondern einfach anders gestrickt bist, kann liebevoller auf dich zugehen. Und ihr könnt gemeinsam Wege finden, wie aus einem Vielleicht ein Ja werden darf.

Gerade dann, wenn Vorstellungen von Begehren aufeinandertreffen, etwa in Beziehungen, in denen ein Teil öfter will als der andere, ist ein Blick auf gesellschaftliche Mythen hilfreich – zum Beispiel die Vorstellung, dass Männer „immer“ Lust hätten.

Fazit: Deine Lust ist nicht falsch, nur vielleicht anders

Raus aus dem Kopf, rein ins Spüren – aber ohne Druck. Wenn du bisher dachtest, mit dir stimmt etwas nicht, weil du nicht von dir aus Lust empfindest: Du bist nicht allein. Und du bist nicht falsch.

Lustlosigkeit bedeutet nicht, dass etwas mit dir nicht stimmt – oft braucht es einfach ein anderes Verständnis davon, wie Lust überhaupt entsteht.

Auch das Kinsey Institute beschreibt in seinen Erkenntnissen zu sexuellem Verlangen, dass Faktoren wie Kontext, Beziehung, Stresslevel und Nähe oft mehr Einfluss auf Lust haben als reine körperliche Reize – besonders bei rezeptivem Begehren.

Und manchmal ist es genau dieser Perspektivwechsel, der eine Beziehung wieder lebendiger macht – gerade wenn man beginnt, sich als Team zu verstehen, statt sich gegenseitig mit Erwartungen zu überfordern.

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