Wie lange dauert Sex? 500 Paare haben nachgemessen

Wie lange dauert Sex eigentlich bei den anderen? Kaum jemand fragt laut danach, aber trotzdem wird nach einer Antwort auf diese Frage gesucht. Wie bei so vielen Fragen über Sex steckt hier eine ganz andere Frage dahinter: Bin ich eigentlich normal? Und was ist schon normal?
Kein Wunder, dass die Frage auftaucht, denn Filme, Pornos und ausgeschmückte Erzählungen vermitteln schnell den Eindruck, guter Sex müsse eine halbe Ewigkeit dauern. Doch was passiert, wenn Paare nicht schätzen, sondern tatsächlich auf die Uhr schauen?
Die bisher genaueste Antwort auf diese Frage beginnt mit einem Gegenstand, den man im Schlafzimmer eher nicht erwartet: einer Stoppuhr. Dank der Forschungsgruppe um den Neurosexologen Marcel Waldinger bekamen 500 Paare im Jahr 2005 eine davon mit nach Hause. Vier Wochen lang sollten sie beim Sex Start und Stopp drücken. Keine Schätzungen am nächsten Morgen, kein „Das waren bestimmt zwanzig Minuten“. Nur sie und die Uhr.
Klar, romantisch klingt das nicht gerade. Aber die Zahl, die am Ende herauskam, war die Mühe wert.
Wie lange dauert Sex? 500 Paare haben mit der Stoppuhr gemessen
In Kurzfassung würde die Studie die Frage mit 5,4 Minuten beantworten. Hättet ihr das gedacht? Ich nicht. Für die lange Antwort müssen wir kurz mit ins Schlafzimmer der teilnehmenden Paare.
Sie kamen aus den Niederlanden, Großbritannien, Spanien, der Türkei und den USA, waren seit mindestens sechs Monaten zusammen und hatten regelmäßig Sex. Die Zeit lief, sobald die vaginale Penetration begann. Und beim Samenerguss wurde gestoppt. Wer von beiden den Knopf drückte, durften die Paare selbst entscheiden; nur während der vier Wochen Versuchsdauer sollte es stets dieselbe Person bleiben.
Von den ursprünglich 500 Paaren gingen am Ende die Daten von 491 Männern in die Auswertung ein und so landeten insgesamt rund 4.000 gestoppte Begegnungen in den Tagebüchern. Die Forschenden berechneten für jeden Mann seine durchschnittliche Penetrationszeit und legten diese Werte nebeneinander. Der kürzeste persönliche Durchschnitt: 33 Sekunden. Der längste: gut 44 Minuten. Und dazwischen? Tja, da drängten sich die meisten Versuchspersonen doch ziemlich weit links auf der Zeitskala.
Und genau das ist der Grund, warum es sich bei dieser Studie lohnt, auf den Median zu schauen und nicht auf den üblichen Durchschnitt. Denn der Durchschnitt wird durch so eine Verteilung von einigen sehr langen Zeiten nach oben gezogen. Ein bisschen wie der Lottogewinner, der plötzlich den Durchschnittsverdienst seiner Stammkneipe ruiniert. Beim Median liegt die eine Hälfte der Männer darunter und die andere Hälfte darüber. Und der lag eben bei den genannten 5,4 Minuten, die genau diese Mitte markieren. Wer wissen will, wie lang Sex im Durchschnitt dauert, schaut also besser auf den Median.
Als Ergänzung sage ich hier noch einmal: Die Uhr erfasste nur den Abschnitt zwischen Eindringen und Ejakulation; nicht „den Sex“ in seiner ganzen Länge und schon gar nicht seine Qualität. Trotzdem räumt die Zahl mit Gedanken auf, die der ein oder andere von euch vielleicht hat: Andere sind vermutlich gar nicht so weit voraus, wie es im eigenen Kopf aussieht. Bei der Frage nach der normalen Penisgröße passiert übrigens etwas ganz Ähnliches. Die Fantasie kennt fast nur Übergrößen; die eigentliche Wahrheit ist häufig aber deutlich gelassener.
Alter, Land, Kondom: Was die Geschlechtsakt-Dauer wirklich bewegt
Neben den Minuten hat die Studie auch Alter, Land, Kondom und Beschneidung erfasst — und nicht alles davon bewegt die Dauer vom Geschlechtsakt wirklich.
Zuerst das Alter: Bei den 18- bis 30-Jährigen lag die Mitte bei 6,5 Minuten, ab 51 Jahren waren es 4,3. Es sieht also so aus, als ob die durchschnittliche Dauer beim Sex mit dem Alter abnehmen könnte. Was man allerdings dazu sagen muss, ist, dass die Studie Altersgruppen an einem einzigen Zeitpunkt verglichen hat und nicht dieselben Männer beim Älterwerden begleitet. Ob die Dauer bei einem bestimmten Mann tatsächlich sinkt, lässt sich daraus nicht ablesen. Dahinter könnten auch andere Dinge liegen, die zum Beispiel eher mit einer gesellschaftlichen Veränderung in Zusammenhang stehen. Für einen einzelnen Mann sagt die Zahl also wenig.
Noch größer wurde der Abstand bei der Frage, wie lange Geschlechtsverkehr in anderen Ländern dauert. Großbritannien lag mit 7,6 Minuten vorn, die Türkei mit 3,7 Minuten hinten. Der türkische Wert unterschied sich statistisch signifikant von jedem der anderen vier Länder. Nur: Warum? Genau an dieser Stelle verknoteten sich die Daten. In der türkischen Gruppe waren alle Männer beschnitten. War also das Land entscheidend, die Beschneidung oder etwas ganz anderes? Um wenigstens eine dieser Fragen sauberer zu untersuchen, nahmen die Forschenden die Türkei aus der Beschneidungsanalyse heraus. In den verbleibenden Ländern kamen beschnittene Männer auf 6,7 Minuten, unbeschnittene auf 6,0. Statistisch war das kein bedeutsamer Unterschied. Einen messbaren Zusammenhang zwischen Beschneidung und Dauer fand diese Auswertung also nicht.
Und das Kondom, der Klassiker unter den vermeintlichen Zeitverlängerern? Auch hier blieb der große Effekt aus. Ohne Kondom lag der Median bei 5,1 Minuten, bei gelegentlicher Verwendung bei 5,7. Der Unterschied war nicht signifikant. Aber auch hier gilt: Ob nun derselbe Mann in derselben Situation mit Kondom länger durchhält als ohne, wurde gar nicht getestet.
Je genauer man hinschaut, desto deutlicher sieht man eben auch die Grenzen einer solchen Studie. Diese Paare waren keine zufällige Stichprobe: Sie hatten sich selbst gemeldet und waren bereit, vier Wochen lang ihr Sexleben für die Forschung zu stoppen und aufzuschreiben. Außerdem arbeiteten vier der sechs Autoren damals für Pfizer. Die Autoren erklärten im Artikel zwar, es bestehe kein Interessenkonflikt. Wissen solltet ihr es trotzdem, denn die gemessene Zeit bis zum Samenerguss spielt auch bei der Entwicklung und Prüfung von Medikamenten wie Viagra und Co. eine Rolle.
Wie lange sollte guter Sex dauern? Was Fachleute für normal halten
Wie lange dauert „normaler“ Sex denn nun? In einer Befragung amerikanischer und kanadischer Sexualtherapeut:innen von 2008 galten drei bis sieben Minuten penetrativer Geschlechtsverkehr als „angemessen“ und sieben bis dreizehn als „wünschenswert“. Die angeblich nötige halbe Stunde sucht man auch hier vergeblich.
Und wenn ihr jetzt immer noch denkt: „Ich möchte es aber trotzdem länger“ … Dann seid ihr in guter Gesellschaft. 152 kanadische Paare wurden 2004 gefragt, wie lange Vorspiel und Verkehr bei ihnen dauerten und wie lange sie idealerweise dauern sollten. Und ja, Frauen wie Männer wünschten sich im Schnitt mehr Sex-Zeit, als sie tatsächlich hatten. Interessanterweise war ihre sexuelle Zufriedenheit aber unabhängig davon, wie groß diese Lücke war. Für mich legt das die Überlegung nahe, dass „Ich hätte gern länger“ nicht automatisch eine Beschwerde ist. Manchmal heißt es einfach: Bitte (noch) mehr davon. Und falls ihr ein paar Minuten zu eurem Sex-Leben ergänzen wollt, findet ihr hier die Methoden zum Länger-Durchhalten, die wirklich belegt sind.
Am unteren Ende wird es tatsächlich etwas heikler, weil dort nicht nur Erwartungen, sondern auch Leidensdruck ins Spiel kommen kann. Vom sogenannten „vorzeitigen Samenerguss“ spricht man nach der Fachgesellschaft ISSM dann, wenn mehrere Merkmale zutreffen: Die Ejakulation erfolgt fast immer innerhalb von ungefähr einer Minute nach dem Eindringen, sie lässt sich kaum hinauszögern und die Situation belastet den Betroffenen. Erst das Zusammenspiel dieser Punkte ist entscheidend. Die Zeit alleine stellt also noch keine Diagnose.
Guter Sex ist mehr als Penetration: Worauf es beim Zusammenspiel ankommt
Bis hierhin hat die Stoppuhr gute Arbeit geleistet. Sie war objektiver als Erinnerung, hat Länder verglichen und vermeintlich große Einflussfaktoren kleingerechnet. Nur eine Frage kann sie nicht beantworten: Waren diese 5,4 Minuten eigentlich schön? Und wie lange ein weiblicher Orgasmus dauert, stand ohnehin nie auf dem Zettel.
Sex beginnt selten erst in dem Moment, in dem die Uhr starten würde. Gerade für Frauen führt der Blick auf die reine Penetrationsdauer leicht am Entscheidenden vorbei. Das zeigt sich auch in den Zahlen. In einer repräsentativen US-Befragung von 2018 unter 1.055 Frauen sagten nur 18,4 Prozent, dass Penetration allein für einen Orgasmus ausreicht. 36,6 Prozent brauchten beim Verkehr zusätzliche klitorale Stimulation; bei weiteren 36 Prozent wurde der Orgasmus dadurch besser. Mehr Minuten sind also nicht unbedingt die Lösung. Vielleicht braucht es etwas anderes – eine andere Berührung, einen anderen Winkel, weniger Tempo, mehr Aufmerksamkeit. Dazu passen unsere Tipps für G-Punkt-Orgasmen beim Sex.
Bei vielen Frauen spielt sich Erregung stark im Kopf ab, in Fantasie, Stimmung und dem Gefühl, gemeint zu sein; Männer springen oft stärker auf visuelle Reize an. Verbindet ihr also mal die Augen, wechselt das Tempo, probiert es mit Dirty Talk. Beginnt euren Sex mit einer Nachricht am Nachmittag. Mit einem Blick über den Frühstückstisch, der eine Sekunde zu lange dauert. Mit Worten, die später noch im Kopf herumschwirren. Erregung hat ihr eigenes Zeitgefühl, und das lässt sich nicht auf Start und Stopp reduzieren.
Die 5,4 Minuten werden damit zu einer überraschenden Zahl aus einer mutigen Studie. Aber sie sind nur ein kleiner Ausschnitt davon, was Sex wirklich bedeutet.
Hat euch die Zahl überrascht? Schreibt es in die Kommentare. Und habt Spaß!
Literatur
Waldinger, M. D., Quinn, P., Dilleen, M., Mundayat, R., Schweitzer, D. H., & Boolell, M. (2005). A multinational population survey of intravaginal ejaculation latency time. The Journal of Sexual Medicine, 2(4), 492–497. https://doi.org/10.1111/j.1743-6109.2005.00070.x