The Odyssey Film: 5 Beziehungs-Lektionen aus Nolans Meisterwerk

Penelope wehrt zwanzig Jahre lang Verehrer ab, Odysseus lässt sich an den Mast binden: Der Film The Odyssey erzählt von Problemen, die Paare heute genauso kennen. Nur eines ist neu: Die Forschung hat sie inzwischen untersucht. Fünf Lektionen aus 3.000 Jahren Beziehungsgeschichte.

Odysseus im Helm als Profil über einer Küstenlandschaft, davor Penelope am Webrahmen, im Low-Poly-Stil als Motiv zum Film The Odyssey

Drei Stunden Ozean und Matt Damon mit Salz im Bart: The Odyssey ist der Film dieses Sommers. Christopher Nolan hat aus Homers Epos das Kinoereignis des Jahres gemacht, über das alle reden. Meistens stehen die Schlachten und das IMAX-Format im Mittelpunkt, aber wenn man genau hinsieht, fällt einem noch etwas anderes auf. Denn der gute Nolan hat, ohne es zu wollen, einen Film über Paarforschung gedreht, mit Fragen wie: Was macht Distanz mit Sehnsucht? Warum erwischt Versuchung auch glückliche Paare? Und was bleibt von einer Ehe nach langer Trennung?

Unter all dem Film-Spektakel steckt eine komplizierte Beziehungsgeschichte. Während Penelope zu Hause die Verehrer abwehrt, strandet Odysseus unterwegs bei einer anderen Frau. Als die beiden sich nach zwanzig Jahren endlich wiederhaben, reicht die Erleichterung über seine Heimkehr deshalb längst nicht aus. Sie müssen erst herausfinden, wer der andere in dieser Zeit geworden ist.

Auch wenn sich Beziehungen seit Homer durchaus verändert haben, kommen einem erstaunlich viele Momente dieser Geschichte bekannt vor: das Warten und die Sehnsucht, die Versuchung, der doppelte Maßstab, die kleinen Dinge, die nur zwei Menschen miteinander teilen und schließlich auch das holprige Wiedersehen. Fünf Lektionen also, älter als jeder Beziehungsratgeber.

Wer den Film noch nicht gesehen hat, liest übrigens besser erst nach dem Kino weiter, denn hier geht es auch ums Ende.

Lektion 1: Sehnsucht macht den anderen schöner, Odysseus' Frau kann das bestätigen

Penelope, Odysseus' Frau, hält ihre Ehe zwanzig Jahre am Leben, ohne ihren Mann ein einziges Mal zu sehen. Wie viel Arbeit hinter diesem Warten steckt, erzählt der Film durch einen Einblick in ihren Alltag. Anne Hathaway spielt eine Königin, die nebenbei ein Land regiert, während in ihrem Palast dutzende Verehrer ihren Wein trinken und darauf warten, dass sie ihren Mann endlich für tot erklärt. Selbst ihr Sohn Telemachus (Tom Holland) kennt den Vater nur aus Erzählungen. Der Film zeigt eine Frau, die ihre Beziehung über eine Trennung hinweg bewahrt, die aus heutiger Sicht kaum vorstellbar ist.

Trotzdem passiert bei Penelope etwas, das die Forschung auch aus heutigen Fernbeziehungen durchaus kennt. Die Kommunikationsforscher Crystal Jiang und Jeffrey Hancock haben 2013 Paare eine Woche lang Tagebuch führen lassen, um zu verstehen, was Distanz mit Nähe macht. Es waren zwar junge Dating-Paare statt Paare mit zwanzig Jahren Seekrieg, aber ihre Befunde passen erstaunlich gut zu Penelope. Getrennte Paare öffneten sich in ihren Gesprächen stärker als Paare, die sich täglich sahen, denn ihre Gespräche mussten mehr von ihrer Nähe vermitteln. Gleichzeitig idealisierten sie ihre Kommunikation stärker und interpretierten das Verhalten des anderen positiver.

Das lässt sich im Kleinen schon nach ein paar Wochen Trennung beobachten. Plötzlich gibt es viel zu erzählen, die gemeinsame Zeit bekommt mehr Gewicht und vieles von dem, was im Alltag nervt, ist weit weg. Bei Penelope dauert dieser Zustand zwanzig Jahre, während sie ihren Mann vor allem in ihrer Erinnerung bewahren kann. Umso größer ist am Ende die Aufgabe, diesen Odysseus von früher mit dem Mann zusammenzubringen, der tatsächlich wieder vor ihr steht.

Lektion 2: Die Sirenen der Odyssee erwischen auch glückliche Paare

Bei den Sirenen sagt Odysseus offen, dass er der Versuchung nicht widerstehen wird. Statt sich auf seine Willenskraft zu verlassen, plant er die eigene Schwäche ein. Er sagt seiner Crew vorher, was passieren wird und lässt sich in weiser Vorausahnung an den Mast binden. Selbst wenn er später darum betteln würde, dürfte ihn niemand losmachen. Nolan verzichtet dabei auf den großen Gesang der Sirenen und konzentriert sich allein darauf, was ihre Anziehung mit Odysseus macht. Die Anziehung und Versuchung wird dadurch weniger zu einer Frage von Gut und Böse und mehr zu einer ziemlich menschlichen Reaktion.

Wie stark wir auf attraktive Alternativen reagieren, hängt tatsächlich mit unserer eigenen Beziehung zusammen. In einer Reihe von Experimenten ließ der Psychologe David Rodrigues 2017 vergebene Menschen attraktive Fremde bewerten. Je stärker jemand an seiner Beziehung hing, desto weniger Aufmerksamkeit bekamen attraktive Alternativen und desto weniger Qualität sahen die Befragten in ihnen. Eine stabile Bindung kann also beeinflussen, wie interessant andere Menschen für uns überhaupt werden. Sie macht attraktive Menschen allerdings nicht unsichtbar.

Und genau deshalb ist Odysseus' Umgang mit den Sirenen so interessant. Er verlässt sich nicht darauf, im entscheidenden Moment vernünftig zu handeln. Für den Beziehungsalltag braucht es dafür hoffentlich keinen Mast, aber die eigene Selbstkontrolle nicht für unfehlbar zu halten, ist nach 3.000 Jahren noch immer keine schlechte Idee.

Lektion 3: Doppelmoral gab es schon bei Odysseus und Kalypso

Sieben Jahre hält die Nymphe Kalypso Odysseus auf ihrer Insel fest, im Film gespielt von Charlize Theron. Das wird damit zur längsten Station von Odysseus Irrfahrt. Als einfacher freiwilliger Seitensprung lässt sich dieser Aufenthalt kaum erzählen, denn Odysseus kann die Insel nicht verlassen und sehnt sich nach seiner Heimat. Penelopes Rolle hängt währenddessen viel unmittelbarer an ihrer sexuellen Treue: Sie muss die Verehrer abwehren und weiter auf ihn warten.

Der doppelte Maßstab steckt hier in der erzählerischen Asymmetrie. Odysseus' Jahre bei Kalypso gefährden seinen Status als heimkehrender Ehemann kaum, während Penelopes Warten eine der Voraussetzungen dafür ist, dass sie als treue Ehefrau dieser Geschichte funktioniert.

Dieser doppelte Maßstab hat die Geschichte bis heute überlebt, wie folgendes Beispiel zeigt. Als die Psychologin Joyce Endendijk 2020 mit ihrem Team 99 Studien mit mehr als 123.000 Menschen auswertete, fand sie die sexuelle Doppelmoral darin wieder: Männern wird viel Sex eher zugestanden und positiver ausgelegt als Frauen. Der Effekt war allerdings klein und zeigte sich vor allem dann, wenn Menschen das konkrete Verhalten anderer bewerteten. Fragten die Studien dagegen direkt nach der Regel, ob Männern sexuell mehr erlaubt sein sollte als Frauen, blieb von der Doppelmoral kaum etwas übrig.

Interessant. Offen vertreten die meisten Menschen den alten Maßstab also nicht mehr, in der Bewertung konkreter Situationen kann er trotzdem noch auftauchen. Ganz bei Penelope und Kalypso sind wir damit nicht mehr, vollständig verschwunden ist der Unterschied aber offenbar auch nicht.

Lektion 4: Lange Liebe braucht ein geteiltes Zeichen wie das Bett von Odysseus und Penelope

Bei Homer prüft Penelope den Heimkehrer mit einem Test, den nur ihr echter Mann bestehen kann. Sie befiehlt, das gemeinsame Ehebett aus dem Schlafzimmer zu tragen, worauf Odysseus sofort reagiert. Das ginge nicht, denn er habe das Bett einst um einen lebenden Olivenbaum gebaut. Volltreffer. Außer den beiden weiß niemand, wie es entstanden ist, und genau an diesem Wissen erkennt Penelope ihren Mann sicherer als an seinem Gesicht. In Nolans Film fehlt die Szene zwar, in die Geschichte gehört sie trotzdem, weil dieses Bett etwas wichtiges für Partnerschaften verkörpert.

Denn dass solche gemeinsamen Zeichen mit einer zufriedeneren Beziehung zusammenhängen können, zeigt eine Befragung der Harvard Business School zu Paar-Ritualen von 2019. Paare mit eigenen Ritualen berichteten mehr positive Gefühle und mehr Zufriedenheit mit ihrer Beziehung, allerdings nur dann, wenn beide das gemeinsame Verhalten auch als Ritual verstanden. Jeden Freitag zusammen Kaffee zu trinken reicht also nicht automatisch. Die Bedeutung entsteht erst, wenn dieser Freitagskaffee für beide zu etwas gehört, das sie als Paar miteinander teilen.

Ich musste dabei an die Anfangszeit mit meinem Partner denken, denn meine Beziehung hat als Fernbeziehung angefangen. Unser erstes solches Zeichen waren stundenlange Telefonate zu einer festen Uhrzeit, die von außen vermutlich ziemlich unspektakulär wirkten und für uns trotzdem fest zu unserer Beziehung gehörten. Inzwischen gibt es viele solcher kleinen Rituale. Ein Bett um einen lebenden Olivenbaum ist vielleicht eindrucksvoll, aber viele Paare haben ihre eigene kleine Version davon. Falls euch gerade kein gemeinsames Ritual einfällt, ist eine feste Date-Night zuhause zum Beispiel eine Möglichkeit, eines entstehen zu lassen.

Lektion 5: Die Heimkehr im Film The Odyssey zeigt, warum holprige Wiedersehen normal sind

Nolan hätte es sich für die Heimkehr von Odysseus leicht machen können: Held kommt nach Hause, Verehrer fallen, Penelope und Odysseus haben sich endlich wieder. Stattdessen steht vor ihr am Ende ein Mann, den die zwanzig Jahre Krieg und Irrfahrt sichtbar verändert haben. Zwar schleicht sich Odysseus wie bei Homer als Bettler verkleidet in den eigenen Palast und tötet die Verehrer, doch kurz davor holen ihn die Bilder aus Troja ein. Sein berühmtes hölzernes Pferd erscheint ihm inzwischen auch als der Trick, mit dem er sehr viele Menschen getötet hat. Das Wiedersehen muss deshalb etwas leisten, das über die Erleichterung seiner Heimkehr hinausgeht. Zwei Menschen müssen herausfinden, wie ihr gemeinsames Leben mit den Menschen weitergeht, zu denen sie inzwischen geworden sind. Dass das Wiedersehen nach zwanzig Jahren nicht einfach in einem romantischen Happy End aufgeht, wirkt vor diesem Hintergrund ziemlich nachvollziehbar.

Wie holprig so ein Übergang sein kann, zeigt die Forschung an Paaren, die eine lange Trennung erlebt haben. 555 Militärpaare hat die Forscherin Lynne Knobloch-Fedders 2020 nach der Heimkehr begleitet, sieben Monate lang und jeden Monat mit derselben Frage: Was verändert sich in der Beziehung gerade? 42 Prozent dieser Veränderungen waren positiv, etwa ein Drittel negativ. Während das Hochgefühl der ersten Wochen mit der Zeit abnahm, blieb der Anteil der negativen Veränderungen über die Monate relativ stabil.

Die Heimkehr beendet damit zwar die Trennung, der gemeinsame Alltag fügt sich aber nicht automatisch wieder zusammen. Routinen haben sich verändert, Erfahrungen fehlen dem anderen und beide Partner müssen ihren Platz im gemeinsamen Leben neu finden. Nolan geht am Ende sogar noch einen Schritt weiter: Odysseus nimmt seinen alten Platz in der Heimat nicht wieder ein. Telemachus, sein Sohn, wird König, während Penelope und Odysseus die Insel gemeinsam verlassen. Ihre Heimkehr führt sie damit gerade nicht zurück in das Leben von vor zwanzig Jahren. Sie beginnen ein neues gemeinsames Leben.

Sehnsucht, Versuchung, Treue in der Beziehung: dieselben Fragen seit 3.000 Jahren

Vielleicht ist genau das das Überraschende an The Odyssey: Zwischen Göttern, Monstern, Krieg und zwanzig Jahren Irrfahrt verhalten sich die Menschen darin an vielen Stellen ziemlich vertraut. Sie vermissen und idealisieren einander, lassen sich verführen, messen mit unterschiedlichen Maßstäben und müssen nach langer Trennung erst wieder herausfinden, wie sie miteinander funktionieren.

Die Forschung gibt Homer natürlich nicht nachträglich recht. Sie zeigt aber, dass hinter einigen dieser 3.000 Jahre alten Beobachtungen tatsächlich Effekte stecken, die wir heute noch bei Paaren finden. Die Welt um Odysseus und Penelope ist uns ziemlich fremd geworden, ihr Beziehungschaos aber immer noch top aktuell.

Und jetzt ihr: Welche Lektion kommt euch am bekanntesten vor, der Mast, das Olivenbaum-Bett oder das holprige Wiedersehen? Schreibt es in die Kommentare.