Meine Freundin schaut Pornos – und jetzt?

Für viele Männer kommt es überraschend, wenn sie herausfinden: Meine Freundin schaut Pornos. Und sofort sind die Fragen da: Bin ich ihr nicht genug? Findet sie unseren Sex langweilig? Erwartet sie, dass ich so lange kann wie die Männer im Film? Dieselben Fragen stellen sich übrigens Frauen, wenn der Partner viel Zeit auf Pornhub und Co. verbringt.
Was dabei am meisten wehtut, ist oft nicht der Porno, sondern dass sie ihn heimlich geschaut hat. Paartherapeuten nennen Heimlichkeit den größten Faktor für die Kränkung. Darum lohnt es sich, erst zu verstehen, warum sie schaut, bevor ihr darüber redet.
Wie Pornos vom Schmuddelkino ins Wohnzimmer kamen… auch für Frauen!
Pornos sind längst bei uns allen angekommen, bei Frauen wie bei Männern. Dabei galten sie lange als „schmuddelig“. Klar, das haben nicht alle so gesehen. Aber irgendwie gab es immer ein Geschmäckle, wenn der Herr mittleren Alters im Trenchcoat durch den düsteren Sex-Shop oder den „ab 18“-Gang der Videothek streifte. Schon Anfang der 80er galten Videotheken als Gefahr für die Jugend – wegen Horror und Pornos. Das Internet hat vieles verändert, den Zugang und den Umgang mit Pornografie aber besonders heftig. Mit schnellem Internet und kostenlosen Erotik-Seiten, auf denen ein Klick auf „ja, ich bin 18“ reicht, zog die alte Schmuddelecke zu uns allen ins Wohnzimmer. Wir mussten sie nur noch völlig ungestört aufsuchen.
Studien zeigen, dass insbesondere Männer dieser Möglichkeit schnell und ziemlich eifrig nachgegangen sind. Von den heute 18- bis 25-Jährigen hatten laut der GeSiD-Studie der Uniklinik Hamburg von 2020 90 Prozent der Männer bis zum 16. Geburtstag Pornos gesehen, bei den Frauen 48 Prozent. Bei den über 45-Jährigen war es nicht mal jede fünfte Frau. Beim Pornokonsum haben die jungen Frauen also kräftig aufgeholt. Ich glaube, das liegt auch daran, dass Frauen offener und neugieriger mit ihrer Sexualität umgehen, seit alte Rollenbilder bröckeln. Und Pornos zeigen manches eben handfester als der hundertste Artikel über „die besten Sexpraktiken“ in einem Lifestyle-Magazin.
5 Gründe, warum deine Freundin Pornos schauen könnte
Obwohl Pornos längst auch bei Frauen angekommen sind, irritiert es viele Männer und auch Freundinnen, wenn Frauen sie schauen und damit vielleicht sogar ganz offen umgehen. Dabei steckt meist einer von fünf Gründen dahinter. Vor allem einer davon hat mit euch als Paar zu tun.
Grund 1. Neugier
Pornos ermöglichen uns, mehr Menschen nackt und beim Sex zu beobachten als alle unsere Vorfahren zusammen. Das ist eine lustige Vorstellung, und manchmal ist man einfach neugierig, wie andere Leute „denn so Sex haben“: welche Geräusche sie machen, welche Falten ihr Gesicht wirft, wie sie auf bestimmte Aktionen reagieren. Neugier ist dabei eins der Motive, bei denen Frauen gleichauf mit Männern liegen, wie eine Forschungsgruppe um Beáta Bőthe 2021 an über 2.600 Befragten zeigte. Sie schauen Pornos einfach, weil es spannend ist. Das bedeutet für ihre Partner:innen erst mal nur, dass sie grundsätzlich an Sex interessiert sind und auch dem virtuellen „Zuschauen“ nicht abgeneigt sind.
Daran könnt ihr anknüpfen: Redet am besten mal zusammen über die Dinge, die in Pornos passieren. Was verblüfft euch, was ist anders, was ähnlich wie bei euch? Seht Pornos mit eurer Freundin einfach als Inspirationsquelle und als Möglichkeit, Sex ganz offen wahrzunehmen und auf sich wirken zu lassen.
Grund 2. Informationen
Manche Frauen schauen Pornos, um konkret etwas zu lernen, etwa wie bestimmte Sexpraktiken gehen oder welche Dinge besonders erregend sein könnten, von Stellungen bis zur Frage, was beim Squirting eigentlich passiert. Es geht also um eine Veränderung der eigenen Sexualität, und zwar eine positive. Das klingt jetzt erst mal für manche richtig toll: Meine Freundin will Pornos schauen, um genau so „krassen Sex“ zu lernen oder zu haben.
Leider kann dabei aber auch einiges schiefgehen. Wer sich mit der Optik, dem Sex und der angeblichen Erregung der Darsteller:innen vergleicht, kann sich schnell schlecht, minderwertig oder langweilig fühlen. Oder denkt das Gleiche über die eigene Partnerin oder den Partner. Dabei hinkt dieser Vergleich von Anfang an, denn schon die Besetzung ist eine Auswahl, kein Durchschnitt: Gezeigt werden bevorzugt Männer mit überdurchschnittlicher Penisgröße, egal welcher Herkunft. Dazu kommt vielleicht das Gefühl, beim Sex immer bestimmte Dinge tun zu müssen, den Blowjob am Schluss zum Beispiel, oder die eigene Erregung offensiv zu zeigen.
In Pornos als Infomaterial steckt also einiger Sprengstoff, den ihr für eure Freundin entschärfen könnt, indem ihr offen darüber sprecht. Stellt sicher, dass sich eure Freundin durch die Pornos nicht unter Druck setzt und das Gesehene eher als Inspiration nimmt. Ein fertig umsetzbares Skript für den eigenen Sex sind Pornos meist nicht.
Grund 3. Erregung
Neben dem ganzen „mal gucken“ oder „was lernen“ bleibt der einfachste Grund von allen. Eure Frau schaut Pornos? Dann oft schlicht, um sich zu erregen, nicht zuletzt vor oder bei der Selbstbefriedigung. Lust ist sogar das häufigste Motiv überhaupt; bei 75.000 Befragten aus 42 Ländern lag sie 2024 vorn, bei Frauen wie bei Männern. Dass Frauen sich mit Pornos erregen, ist eigentlich weitgehend unproblematisch. Allerdings gilt hier dasselbe wie bei Männern: Den Vergleich mit dem Film solltet ihr zumindest auf dem Schirm haben. Auch ohne bewussten Vergleich können Pornos verändern, wie ihr Sex und einander wahrnehmt.
Manche Paare schauen auch zusammen Pornos, vor dem Sex oder mittendrin, um sich gemeinsam in Stimmung zu bringen und sich dabei vielleicht schon zu berühren. Das ist natürlich alles erlaubt, und macht aus dem Porno ein Paar-Ding.
Grund 4. Unterhaltung
Einige Frauen schauen Pornos manchmal komplett „unsexuell“, was für manche Männer vielleicht kaum denkbar ist. Sie suchen also weder nach spannenden Sexneuheiten, noch wollen sie was lernen, noch sind sie gerade richtig scharf. Stattdessen dienen Pornos eher der Unterhaltung, ähnlich einer Tierdoku. Dieses Verhalten ähnelt am ehesten der Neugier, nur ohne eigene Erregung dabei. Auch beim Hinschauen gibt es Unterschiede: Wohin Frauen bei Pornos gucken, hat eine Eye-Tracking-Studie von 2007 gemessen, bei der die Blicke der Zuschauer aufgezeichnet wurden. Frauen mit Pille schauten eher auf Kleidung und Einrichtung, Frauen ohne Pille eher auf die Genitalien. Beim Schauen zur Unterhaltung spielt der Vergleich mit dem Film kaum eine Rolle.
Falls ihr selbst Pornos auch einen gewissen Unterhaltungswert abgewinnen könnt, schaut doch mal zusammen mit eurer Freundin einen Porno, esst etwas Popcorn und kommentiert, lacht, spinnt, was das Zeug hält!
Grund 5. Unzufriedenheit
Tja, auch das muss gesagt werden. Für manche Menschen, Frauen eingeschlossen, sind Pornos ein Weg, Dinge indirekt mitzuerleben, die ihnen im eigenen Sexleben fehlen. Natürlich kann man das umdrehen und fragen, ob die Dinge vielleicht gerade deshalb vermisst werden, weil sie in Pornos so häufig vorkommen. Dieses Henne-Ei-Problem ist aber nicht wirklich zu lösen.
Auch die Forschung löst das nicht, einen Hinweis gibt sie aber. Fast 47.000 Frauen aus 42 Ländern wurden 2025 nach ihren Motiven gefragt. Bei denen, die aus Lust oder Neugier schauen, gehen Pornos mit mehr Verlangen und weniger sexuellen Problemen einher. Bei denen, die schauen, weil ihnen in der Beziehung die Zufriedenheit fehlt, mit mehr Problemen. Es kommt also weniger aufs Schauen an als aufs Motiv. Dieser fünfte Grund ist der, bei dem es am meisten um euch beide geht.
Am Ende ist es auch egal, was zuerst da war, denn was ihr im eigenen Sexleben fehlt, findet sie im Porno offenbar erregend. Hier ist es am besten, nicht direkt mit der Tür ins Haus zu fallen und zu fragen: Schaust du Pornos, weil unser Sex so schlecht, selten oder langweilig ist? Fragt lieber einfühlsam nach, was sie in den Pornos interessant und erregend findet. Daraus wird Inspiration für euren Sex, und am Ende wird es für euch beide spannender. Übrigens macht das Gehirn nachts etwas ganz Ähnliches: Auch in Sexträumen tauchen die Themen auf, die uns sexuell beschäftigen – ganz ohne Bildschirm.
Pornos in der Beziehung: offen bleiben und Spaß haben
Ihr ahnt es schon. Wenn eure Freundin, Frau oder Partnerin Pornos schaut, ist das erst mal nichts Schlimmes. Ein Fall für die Beratung wird es erst, wenn das Schauen den Alltag frisst: 1,7 Prozent der Frauen berichten von exzessivem Konsum, laut der Caritas. Damit es gar nicht erst so weit kommt, redet offen darüber. Die Paartherapeutin Ursina Donatsch sagt, solche Gespräche entlasten in der Regel sehr und fördern das Vertrauen. Mehr noch: Pornos können eine Bereicherung sein, wenn ihr euch darauf einlasst. Bleibt euch nur bewusst, was solche Filme mit eurem Blick machen können. Dann bleibt euch das Schlimmste erspart, vor allem der stille Vergleich mit anderen.
Am besten geht das übrigens zu zweit. Als Forscher um Taylor Kohut 2021 insgesamt 761 Paare befragten, berichteten die Paare, die gemeinsam schauen, mehr Zufriedenheit mit Beziehung und Sex, bei Männern wie bei Frauen. Schauen dürft ihr trotzdem ruhig getrennt und auch zusammen, wenn ihr möchtet. Behaltet dabei immer einander im Kopf und seid geduldig, einfühlsam und verständnisvoll. Und zusammen Pornos schauen ist dabei eine besonders gute Idee.