Monogamie und Moral - Offene Beziehung wagen?

Immer mehr Paare entscheiden sich für eine offene Beziehung. Und das kann gut gehen! Monogamie ist ein gesellschaftliches Konstrukt und Liebe nicht unbedingt an einen Menschen gebunden. Ich habe vor kurzem einen Artikel gelesen…

Monogamie und Moral - Offene Beziehung wagen?

Heute möchte ich über einen Text schreiben, der mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Ganz durch Zufall bin ich vor einigen Tagen auf einen Gastbeitrag auf dem Blog Zicklein & Böckchen gestoßen mit dem Titel Fremdverliebt - im Wirrwarr der Gefühle!. Die Autorin der Geschichte berichtet davon, wie sie sich in einen anderen Mann verliebt hat. Selbst war sie sehr glücklich mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern und eigentlich gab es nichts, was sie an ihrem Leben auszusetzen hatte. Und dann ist es dennoch passiert: Plötzlich hatte sie Gefühle für einen neuen Arbeitskollegen. Sie war verzweifelt, hin- und hergerissen und hat versucht, ihre Gefühle zu unterdrücken. Letztendlich kam sie aber nicht dagegen an, begann eine Liebelei mit dem Kollegen und beichtete auch ihrem Mann die Geschichte. Sie liebte ihren Mann und zog einen Schlussstrich unter die Affäre, brach den Kontakt vollständig ab. Dennoch kam ihr Mann nicht mit der Situation klar. Sie ließen sich scheiden... Das war die absolute Kurzfassung, hier geht es zur gesamten Story.

Nun, warum schreibe ich darüber? Ich fand es unendlich traurig, dass die Beziehung und Familie an diesem kleinen Gefühlschaos auseinandergebrochen ist. Zu jedem Zeitpunkt fühlte sich die Frau ihrem Mann gegenüber tief verbunden - und dennoch war da das Feuer für den neuen Kollegen! ... was in mir die Frage aufwarf: Kann man zwei Männer gleichzeitig lieben? Oder eher gesagt: Darf man gleichzeitig etwas für mehr als einen Mann empfinden? Ein schwieriges Thema, bei dem man sich auf emotionales Glatteis bewegt.

Was sagt die Wissenschaft?

Mir fiel dazu spontan eine wissenschaftliche Publikation ein, die ich vor einer Weile gelesen hatte. Conley et al. (2012) haben es ganz gut zusammengefasst: Denn obwohl die Monogamie gar nicht die ursprüngliche, natürliche Form unseres Zusammenlebens ist, ist sie derart in unseren Köpfen verankert, dass sie gar nicht hinterfragt wird. Auf 17 Seiten analysiert das Autorenteam, was für Argumente für und gegen die Monogamie sprechen... mit dem Schluss, dass andere Beziehungsformen "nur" aufgrund von moralischem und religiösem Gedankengut weniger weit verbreitet sind. Grundsätzlich sind andere Beziehungsformen aber NICHT weniger gut als Monogamie! Für unseren Kopf aber schon! Dass offene Beziehungen sogar eine Bereicherung für das Verhältnis zum eigenen Partner sein können, kann sich kaum jemand vorstellen...

Liebe hat mehrere Dimensionen!

Es gibt ganz unterschiedliche Formen von Liebe... sei es freundschaftlich, partnerschaftlich oder leidenschaftlich. Diese Liebesformen existieren alle parallel nebeneinander, können aber in vielen Fällen nicht gleichzeitig erfüllt werden. Es ist folglich gar nicht so abwegig, sich emotional zu mehr als einem Menschen hingezogen zu fühlen. Schließlich haben wie verschiedene Bedürfnisse, und die alle mit einer Person unter einen Hut zu bringen, ist definitiv eine Herausforderung! Wer mehr darüber erfahren will, wie eine offene Beziehung gut für die Partnerschaft sein kann, dem empfehle ich mal in die Kolumne von Katja Lewina reinzuschauen, die sehr spannende Einblicke in ihre offene Beziehung gibt. Lesenswert.

ZUrück zu den Formen der Liebe. Schauen wir z.B. mal auf die freundschaftliche und partnerschaftliche Liebe. Während man bei der freundschaftlichen Liebe seinen Partner in seiner Entwicklung unterstützen möchte - z.B. wünscht sich dieser schon lange eine große Weltreise -, handelt man bei der partnerschaftlichen Liebe gemeinsame Aufgaben und Verpflichtungen aus - z.B. wie es mit der Familienplanung weiter geht. Diese Liebesformen können offensichtlich im Widerspruch stehen - die gewünschte Weltreise ist schwierig mit einem kleinen Baby vereinbar. Konfliktpotenzial vorprogrammiert!

Was uns einen Strich durch die Rechnung macht, ist unsere Sozialisation!

Ich bewege mich mit dem Thema meines Blogs und meiner Doktorarbeit über die "Sexuelle Zufriedenheit von Frauen in fester Partnerschaft" zwangsläufig immer wieder am Rande der gesellschaftlich akzeptierten Normen und Werte. Denn kaum ein Thema ist mit so vielen Tabus belegt wie das Thema SEX. Was darf man, was nicht? Ist es schlimm, wenn ich mir Pornos anschaue... und sie mir gar gefallen? Darf ich mich zu Männern und Frauen hingezogen fühlen? Ist es pervers, wenn ich mich gerne fesseln lasse? In einem Traum hatte ich Sex mit mehreren Männern... Muss ich mich jetzt schlecht fühlen? All das sind Gedanken, die durch unsere gesellschaftlichen Normen und Werte geprägt sind. Aber wie soll man mit diesen Zweifeln umgehen?

Sexualität bedeutet Liebe, Lust und Leidenschaft, aber auch die Erforschung der eigenen Vorlieben. Es ist eine Entdeckungsreise, die man am besten zusammen mit seinem Partner antreten kann. Dazu gehört absolutes Vertrauen und eine bedingungslose Akzeptanz des anderen. Und nur weil etwas nicht dem Hollywood-typischen Bild von Liebe entspricht, ist es nicht unmoralisch... Man muss nur seinen Platz in diesem System finden. Bleibt neugierig! - Denn erlaubt ist alles, was allen Beteiligten gefällt... sei es nun Blümchensex, Lack & Leder, Luftballons - oder eine offene Beziehung!

Reden ist hier das Zauberwort, denn Kommunikation ist DIE Basis einer guten Beziehung. Dabei ist es auch wichtig über seine Gefühle und Gedanken sprechen zu können. Eine Beziehung sollte einen geschützen Raum bieten, in dem man sich vollkommen öffnen kann. Und ich glaube, das ist genau das, was mich an der obigen Geschichte so traurig gemacht hat. Die Protagonistin hatte einen Gefühlsausrutscher, eine kleine Liebelei, die sie aber direkt wieder beendet hatte. Sie liebte ihren Mann. Sie hat ihm alles gestanden. Und die Beziehung, die Ehe, alles, was sie sich gemeinsam aufgebaut hatten... war vorbei! Ich kann die Enttäuschung des Mannes verstehen, aber ich kann nicht verstehen, wie man alles so schnell aufgeben kann. Diese Geschichte ist ein perfektes wenn auch trauriges Beispiel dafür, zu welchen Konflikten erlernte Moralvorstellungen und natürliche Impulse führen können - eine Herausforderung, der man sich in einer Beziehung manchmal stellen muss!

Und jetzt seid ihr dran! Habt ihr Erfahrungen mit solchen inneren konflikten zwischen den eigenen Emotionen oder Vorlieben und den erlernten Moralvorstellungen? Wie geht ihr damit um? Ich freue mich auf euren Kommentar!

[1] Conley, T.D., Ziegler, A., Moors, A.C., Matsick, J.L., Valentine, B. (2012). A critical examination of popular assumptions about the benefits and outcomes of monogamous relationships. Personal Soc Psychol Rev., 17(2), 124–141.

Foto: conrado / shutterstock.com

Monogamie und Moral - Offene Beziehung wagen?

Heute möchte ich über einen Text schreiben, der mich sehr zum Nachdenken gebracht hat. Ganz durch Zufall bin ich vor einigen Tagen auf einen Gastbeitrag auf dem Blog Zicklein & Böckchen gestoßen mit dem Titel Fremdverliebt - im Wirrwarr der Gefühle!. Die Autorin der Geschichte berichtet davon, wie sie sich in einen anderen Mann verliebt hat. Selbst war sie sehr glücklich mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern und eigentlich gab es nichts, was sie an ihrem Leben auszusetzen hatte. Und dann ist es dennoch passiert: Plötzlich hatte sie Gefühle für einen neuen Arbeitskollegen. Sie war verzweifelt, hin- und hergerissen und hat versucht, ihre Gefühle zu unterdrücken. Letztendlich kam sie aber nicht dagegen an, begann eine Liebelei mit dem Kollegen und beichtete auch ihrem Mann die Geschichte. Sie liebte ihren Mann und zog einen Schlussstrich unter die Affäre, brach den Kontakt vollständig ab. Dennoch kam ihr Mann nicht mit der Situation klar. Sie ließen sich scheiden... Das war die absolute Kurzfassung, hier geht es zur gesamten Story.

Nun, warum schreibe ich darüber? Ich fand es unendlich traurig, dass die Beziehung und Familie an diesem kleinen Gefühlschaos auseinandergebrochen ist. Zu jedem Zeitpunkt fühlte sich die Frau ihrem Mann gegenüber tief verbunden - und dennoch war da das Feuer für den neuen Kollegen! ... was in mir die Frage aufwarf: Kann man zwei Männer gleichzeitig lieben? Oder eher gesagt: Darf man gleichzeitig etwas für mehr als einen Mann empfinden? Ein schwieriges Thema, bei dem man sich auf emotionales Glatteis bewegt.

Was sagt die Wissenschaft?

Mir fiel dazu spontan eine wissenschaftliche Publikation ein, die ich vor einer Weile gelesen hatte. Conley et al. (2012) haben es ganz gut zusammengefasst: Denn obwohl die Monogamie gar nicht die ursprüngliche, natürliche Form unseres Zusammenlebens ist, ist sie derart in unseren Köpfen verankert, dass sie gar nicht hinterfragt wird. Auf 17 Seiten analysiert das Autorenteam, was für Argumente für und gegen die Monogamie sprechen... mit dem Schluss, dass andere Beziehungsformen "nur" aufgrund von moralischem und religiösem Gedankengut weniger weit verbreitet sind. Grundsätzlich sind andere Beziehungsformen aber NICHT weniger gut als Monogamie! Für unseren Kopf aber schon! Dass offene Beziehungen sogar eine Bereicherung für das Verhältnis zum eigenen Partner sein können, kann sich kaum jemand vorstellen...

Liebe hat mehrere Dimensionen!

Es gibt ganz unterschiedliche Formen von Liebe... sei es freundschaftlich, partnerschaftlich oder leidenschaftlich. Diese Liebesformen existieren alle parallel nebeneinander, können aber in vielen Fällen nicht gleichzeitig erfüllt werden. Es ist folglich gar nicht so abwegig, sich emotional zu mehr als einem Menschen hingezogen zu fühlen. Schließlich haben wie verschiedene Bedürfnisse, und die alle mit einer Person unter einen Hut zu bringen, ist definitiv eine Herausforderung! Wer mehr darüber erfahren will, wie eine offene Beziehung gut für die Partnerschaft sein kann, dem empfehle ich mal in die Kolumne von Katja Lewina reinzuschauen, die sehr spannende Einblicke in ihre offene Beziehung gibt. Lesenswert.

ZUrück zu den Formen der Liebe. Schauen wir z.B. mal auf die freundschaftliche und partnerschaftliche Liebe. Während man bei der freundschaftlichen Liebe seinen Partner in seiner Entwicklung unterstützen möchte - z.B. wünscht sich dieser schon lange eine große Weltreise -, handelt man bei der partnerschaftlichen Liebe gemeinsame Aufgaben und Verpflichtungen aus - z.B. wie es mit der Familienplanung weiter geht. Diese Liebesformen können offensichtlich im Widerspruch stehen - die gewünschte Weltreise ist schwierig mit einem kleinen Baby vereinbar. Konfliktpotenzial vorprogrammiert!

Was uns einen Strich durch die Rechnung macht, ist unsere Sozialisation!

Ich bewege mich mit dem Thema meines Blogs und meiner Doktorarbeit über die "Sexuelle Zufriedenheit von Frauen in fester Partnerschaft" zwangsläufig immer wieder am Rande der gesellschaftlich akzeptierten Normen und Werte. Denn kaum ein Thema ist mit so vielen Tabus belegt wie das Thema SEX. Was darf man, was nicht? Ist es schlimm, wenn ich mir Pornos anschaue... und sie mir gar gefallen? Darf ich mich zu Männern und Frauen hingezogen fühlen? Ist es pervers, wenn ich mich gerne fesseln lasse? In einem Traum hatte ich Sex mit mehreren Männern... Muss ich mich jetzt schlecht fühlen? All das sind Gedanken, die durch unsere gesellschaftlichen Normen und Werte geprägt sind. Aber wie soll man mit diesen Zweifeln umgehen?

Sexualität bedeutet Liebe, Lust und Leidenschaft, aber auch die Erforschung der eigenen Vorlieben. Es ist eine Entdeckungsreise, die man am besten zusammen mit seinem Partner antreten kann. Dazu gehört absolutes Vertrauen und eine bedingungslose Akzeptanz des anderen. Und nur weil etwas nicht dem Hollywood-typischen Bild von Liebe entspricht, ist es nicht unmoralisch... Man muss nur seinen Platz in diesem System finden. Bleibt neugierig! - Denn erlaubt ist alles, was allen Beteiligten gefällt... sei es nun Blümchensex, Lack & Leder, Luftballons - oder eine offene Beziehung!

Reden ist hier das Zauberwort, denn Kommunikation ist DIE Basis einer guten Beziehung. Dabei ist es auch wichtig über seine Gefühle und Gedanken sprechen zu können. Eine Beziehung sollte einen geschützen Raum bieten, in dem man sich vollkommen öffnen kann. Und ich glaube, das ist genau das, was mich an der obigen Geschichte so traurig gemacht hat. Die Protagonistin hatte einen Gefühlsausrutscher, eine kleine Liebelei, die sie aber direkt wieder beendet hatte. Sie liebte ihren Mann. Sie hat ihm alles gestanden. Und die Beziehung, die Ehe, alles, was sie sich gemeinsam aufgebaut hatten... war vorbei! Ich kann die Enttäuschung des Mannes verstehen, aber ich kann nicht verstehen, wie man alles so schnell aufgeben kann. Diese Geschichte ist ein perfektes wenn auch trauriges Beispiel dafür, zu welchen Konflikten erlernte Moralvorstellungen und natürliche Impulse führen können - eine Herausforderung, der man sich in einer Beziehung manchmal stellen muss!

Und jetzt seid ihr dran! Habt ihr Erfahrungen mit solchen inneren konflikten zwischen den eigenen Emotionen oder Vorlieben und den erlernten Moralvorstellungen? Wie geht ihr damit um? Ich freue mich auf euren Kommentar!

[1] Conley, T.D., Ziegler, A., Moors, A.C., Matsick, J.L., Valentine, B. (2012). A critical examination of popular assumptions about the benefits and outcomes of monogamous relationships. Personal Soc Psychol Rev., 17(2), 124–141.

Foto: conrado / shutterstock.com