STUDIE - Warum du Komplimente von deinem Partner nicht annehmen kannst (und wie du es lernst)?

Komplimente annehmen fällt vielen schwer – besonders vom Partner. Eine Studie zeigt, warum das so ist und wie eine einfache Übung das ändert.

STUDIE - Warum du Komplimente von deinem Partner nicht annehmen kannst (und wie du es lernst)?

 Er sagt, du siehst wunderschön aus. Dass er dich bewundert. Dass er stolz auf dich ist. Und du? „Ach, übertreib nicht“ oder „Naja, heute war ich eigentlich nicht so gut“ — und das war’s. Moment vorbei, Kompliment weg.

Klingt bekannt? Dann bist du nicht allein. Und es steckt mehr dahinter als Bescheidenheit.

Denise Marigold, John Holmes und Michael Ross von der University of Waterloo haben sich genau dieses Phänomen angeschaut — und ihre Ergebnisse sind überraschend. Nicht nur, weil sie erklären, warum manche Menschen Komplimente systematisch abwehren. Sondern weil sie zeigen, dass es eine verblüffend einfache Übung gibt, die das ändert. Die Studie erschien 2007 imJournal of Personality and Social Psychology.

Wer Komplimente am nötigsten hätte, profitiert am wenigsten davon

Die Forschenden unterscheiden in ihrer Studie zwischen Menschen mit hohem Selbstwertgefühl (HSE) und niedrigem Selbstwertgefühl (LSE). Und hier beginnt das Paradox. Menschen mit niedrigem Selbstwert zweifeln mehr als andere daran, ob ihr Partner sie wirklich liebt — und gleichzeitig profitieren sie am wenigsten von Komplimenten. Obwohl sie die Bestätigung am dringendsten bräuchten, lassen sie sie nicht rein.

Dabei ist die Ausgangslage eigentlich fair: Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl werden von ihren Partnern genauso geliebt und geschätzt wie Menschen mit hohem Selbstwertgefühl. Das zeigen die Daten. Der Unterschied liegt nicht in der Realität — er liegt darin, wie diese Realität wahrgenommen und verarbeitet wird.

Was passiert konkret? Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl hören ein Kompliment — und stufen es innerlich sofort ab. Sie erinnern es später als weniger bedeutsam. Sie beschreiben es in der Vergangenheitsform, als wäre es ein abgeschlossenes Ereignis ohne Bezug zur Gegenwart. Und sie geben an, sich schwerer daran erinnern zu können — obwohl sie objektiv genauso viele Komplimente bekommen haben wie alle anderen. Das Kompliment landet einfach nicht.

Warum „Du bist toll“ nicht hilft — und manchmal sogar schadet

Naheliegend wäre es, zu denken: Dann sagt der Partner eben öfter etwas Nettes. Mehr Komplimente, mehr Wirkung.

Funktioniert nicht. Die Forschenden zeigen, dass direktes positives Feedback bei Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl nicht nur wirkungslos bleibt, sondern in manchen Fällen sogar das Gegenteil bewirkt. Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl, denen gesagt wurde, sie seien besonders rücksichtsvoll oder intelligent, fühlten sich danach unsicherer in ihrer Beziehung — nicht sicherer.

Der Grund: Solches Feedback läuft top-down. Zuerst kommt die breite Schlussfolgerung — „du bist toll“ — und dann läuft im Hintergrund automatisch ein Gegencheck.Bin ich das wirklich? Was ist mit letzter Woche? Was, wenn er das irgendwann merkt?Das positive Feedback aktiviert genau die Selbstzweifel, die es eigentlich auflösen soll. Je größer das Lob, desto mehr Material für den inneren Kritiker.

Die Übung: Von unten nach oben denken

Marigold und ihr Team haben etwas anderes versucht — und es hat funktioniert. In ihrer Studie wurden Teilnehmende gebeten, sich ein Kompliment ihres Partners in Erinnerung zu rufen. Dann wurden sie in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe sollte das Kompliment konkret beschreiben: Was genau wurde gesagt? Wo wart ihr? Was hattet ihr an?

Die andere Gruppe bekam eine andere Aufgabe. Sie sollte beschreiben:Warum bewundert dich dein Partner? Was bedeutet das Kompliment für dich — und für eure Beziehung? Und genau das war der entscheidende Unterschied.

Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl in der zweiten Gruppe berichteten danach von mehr Freude über das Kompliment, einem höheren Selbstwertgefühl und mehr Sicherheit in der Beziehung. Sie lagen auf demselben Niveau wie Menschen mit hohem Selbstwert. Der Unterschied zwischen Menschen mit hohem und niedrigem Selbstwertgefühl war weg.

Und das Erstaunlichste: Zwei Wochen später war der Effekt noch immer messbar. Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl, die die Übung gemacht hatten, berichteten noch immer von mehr Sicherheit in ihrer Beziehung — und nahmen im Alltag mehr positive Verhaltensweisen ihres Partners wahr.

Der entscheidende Kniff: Die Bedeutung wird nicht gefragt, sondern vorausgesetzt

Warum funktioniert diese Übung, wo so vieles andere scheitert?

Der Schlüssel liegt in der Formulierung. Die Instruktion lautete nicht:„Überlege, was das Kompliment über deine Beziehung aussagt.“Sie lautete:"Erkläre, warum dein Partner dich bewundert. Beschreibe, was es dir bedeutet und welche Bedeutung es für eure Beziehung hat." 

"Dein Partner bewundert dich" impliziert einen anhaltenden Zustand. Die Frage ist also nicht:Hat er das wirklich so gemeint?Die Frage lautet:Was genau bewundert er an dir, und was bedeutet das?

Es gibt also keinen Einstiegspunkt für"Meint er das überhaupt so?"— das wird übersprungen. Man landet direkt bei"Er meint es so. Und jetzt erkläre mir warum."

Dass genau das der entscheidende Faktor ist, belegt die dritte Studie der Forschenden. Dort wurde eine Gruppe getestet, die dieselbe Aufgabe bekam — aber als Frage:„Überlege, ob das Kompliment bedeutsam für dich war.“Dieser winzige Unterschied reichte aus: Der Effekt blieb komplett aus. Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl nutzten den Frageraum sofort, um zu zweifeln. Die Annahme dahingegen ließ keinen Einstiegspunkt für den inneren Kritiker.

Was das für dich bedeutet

Du musst dein Selbstwertgefühl nicht erst komplett umbauen, bevor du Komplimente annehmen kannst. Die Studie zeigt: Es reicht eine kleine Übung — mit einem einzigen Kompliment, das du bereits bekommen hast.

So geht’s: Denk an ein Kompliment, das dir dein Partner in letzter Zeit gemacht hat. Und gehe dann in dich mit folgenden Fragen...

Warum bewundert dich dein Partner?

Beschreibe, was es dir bedeutet.

Welche Bedeutung hat das für euch als Paar? 

Die Antwort muss nicht perfekt sein. Sie darf unsicher klingen. Aber sie soll eine Antwort sein.

Komplimente annehmen ist keine Charakterfrage

Ein letzter Gedanke, der vielleicht der wichtigste ist.

Wer Komplimente abwehrt, tut das nicht aus Faulheit oder Sturheit. Es ist ein Schutzmechanismus. Wenn du dir nie sicher bist, ob du wirklich geliebt wirst, ist es riskant, ein Kompliment ernst zu nehmen. Was, wenn es nicht stimmt? Was, wenn er seine Meinung ändert?

Das Abwehren fühlt sich sicherer an. Aber es kostet etwas. Nämlich genau die Momente, in denen dein Partner dir zeigt, dass er dich sieht.

Marigold und ihr Team zeigen: Die stärksten Beziehungen sind die, in denen Partner bereit sind, Selbstschutz beiseite zu legen und Nähe zuzulassen. Komplimente annehmen ist eine Form davon. Und wie wir jetzt wissen: Man kann es üben. 

Literatur

Marigold, D. C., Holmes, J. G., & Ross, M. (2007). More than words: Reframing compliments from romantic partners fosters security in low self-esteem individuals.Journal of Personality and Social Psychology, 92(2), 232–248.https://doi.org/10.1037/0022-3514.92.2.232

STUDIE - Warum du Komplimente von deinem Partner nicht annehmen kannst (und wie du es lernst)?

 Er sagt, du siehst wunderschön aus. Dass er dich bewundert. Dass er stolz auf dich ist. Und du? „Ach, übertreib nicht“ oder „Naja, heute war ich eigentlich nicht so gut“ — und das war’s. Moment vorbei, Kompliment weg.

Klingt bekannt? Dann bist du nicht allein. Und es steckt mehr dahinter als Bescheidenheit.

Denise Marigold, John Holmes und Michael Ross von der University of Waterloo haben sich genau dieses Phänomen angeschaut — und ihre Ergebnisse sind überraschend. Nicht nur, weil sie erklären, warum manche Menschen Komplimente systematisch abwehren. Sondern weil sie zeigen, dass es eine verblüffend einfache Übung gibt, die das ändert. Die Studie erschien 2007 imJournal of Personality and Social Psychology.

Wer Komplimente am nötigsten hätte, profitiert am wenigsten davon

Die Forschenden unterscheiden in ihrer Studie zwischen Menschen mit hohem Selbstwertgefühl (HSE) und niedrigem Selbstwertgefühl (LSE). Und hier beginnt das Paradox. Menschen mit niedrigem Selbstwert zweifeln mehr als andere daran, ob ihr Partner sie wirklich liebt — und gleichzeitig profitieren sie am wenigsten von Komplimenten. Obwohl sie die Bestätigung am dringendsten bräuchten, lassen sie sie nicht rein.

Dabei ist die Ausgangslage eigentlich fair: Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl werden von ihren Partnern genauso geliebt und geschätzt wie Menschen mit hohem Selbstwertgefühl. Das zeigen die Daten. Der Unterschied liegt nicht in der Realität — er liegt darin, wie diese Realität wahrgenommen und verarbeitet wird.

Was passiert konkret? Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl hören ein Kompliment — und stufen es innerlich sofort ab. Sie erinnern es später als weniger bedeutsam. Sie beschreiben es in der Vergangenheitsform, als wäre es ein abgeschlossenes Ereignis ohne Bezug zur Gegenwart. Und sie geben an, sich schwerer daran erinnern zu können — obwohl sie objektiv genauso viele Komplimente bekommen haben wie alle anderen. Das Kompliment landet einfach nicht.

Warum „Du bist toll“ nicht hilft — und manchmal sogar schadet

Naheliegend wäre es, zu denken: Dann sagt der Partner eben öfter etwas Nettes. Mehr Komplimente, mehr Wirkung.

Funktioniert nicht. Die Forschenden zeigen, dass direktes positives Feedback bei Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl nicht nur wirkungslos bleibt, sondern in manchen Fällen sogar das Gegenteil bewirkt. Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl, denen gesagt wurde, sie seien besonders rücksichtsvoll oder intelligent, fühlten sich danach unsicherer in ihrer Beziehung — nicht sicherer.

Der Grund: Solches Feedback läuft top-down. Zuerst kommt die breite Schlussfolgerung — „du bist toll“ — und dann läuft im Hintergrund automatisch ein Gegencheck.Bin ich das wirklich? Was ist mit letzter Woche? Was, wenn er das irgendwann merkt?Das positive Feedback aktiviert genau die Selbstzweifel, die es eigentlich auflösen soll. Je größer das Lob, desto mehr Material für den inneren Kritiker.

Die Übung: Von unten nach oben denken

Marigold und ihr Team haben etwas anderes versucht — und es hat funktioniert. In ihrer Studie wurden Teilnehmende gebeten, sich ein Kompliment ihres Partners in Erinnerung zu rufen. Dann wurden sie in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe sollte das Kompliment konkret beschreiben: Was genau wurde gesagt? Wo wart ihr? Was hattet ihr an?

Die andere Gruppe bekam eine andere Aufgabe. Sie sollte beschreiben:Warum bewundert dich dein Partner? Was bedeutet das Kompliment für dich — und für eure Beziehung? Und genau das war der entscheidende Unterschied.

Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl in der zweiten Gruppe berichteten danach von mehr Freude über das Kompliment, einem höheren Selbstwertgefühl und mehr Sicherheit in der Beziehung. Sie lagen auf demselben Niveau wie Menschen mit hohem Selbstwert. Der Unterschied zwischen Menschen mit hohem und niedrigem Selbstwertgefühl war weg.

Und das Erstaunlichste: Zwei Wochen später war der Effekt noch immer messbar. Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl, die die Übung gemacht hatten, berichteten noch immer von mehr Sicherheit in ihrer Beziehung — und nahmen im Alltag mehr positive Verhaltensweisen ihres Partners wahr.

Der entscheidende Kniff: Die Bedeutung wird nicht gefragt, sondern vorausgesetzt

Warum funktioniert diese Übung, wo so vieles andere scheitert?

Der Schlüssel liegt in der Formulierung. Die Instruktion lautete nicht:„Überlege, was das Kompliment über deine Beziehung aussagt.“Sie lautete:"Erkläre, warum dein Partner dich bewundert. Beschreibe, was es dir bedeutet und welche Bedeutung es für eure Beziehung hat." 

"Dein Partner bewundert dich" impliziert einen anhaltenden Zustand. Die Frage ist also nicht:Hat er das wirklich so gemeint?Die Frage lautet:Was genau bewundert er an dir, und was bedeutet das?

Es gibt also keinen Einstiegspunkt für"Meint er das überhaupt so?"— das wird übersprungen. Man landet direkt bei"Er meint es so. Und jetzt erkläre mir warum."

Dass genau das der entscheidende Faktor ist, belegt die dritte Studie der Forschenden. Dort wurde eine Gruppe getestet, die dieselbe Aufgabe bekam — aber als Frage:„Überlege, ob das Kompliment bedeutsam für dich war.“Dieser winzige Unterschied reichte aus: Der Effekt blieb komplett aus. Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl nutzten den Frageraum sofort, um zu zweifeln. Die Annahme dahingegen ließ keinen Einstiegspunkt für den inneren Kritiker.

Was das für dich bedeutet

Du musst dein Selbstwertgefühl nicht erst komplett umbauen, bevor du Komplimente annehmen kannst. Die Studie zeigt: Es reicht eine kleine Übung — mit einem einzigen Kompliment, das du bereits bekommen hast.

So geht’s: Denk an ein Kompliment, das dir dein Partner in letzter Zeit gemacht hat. Und gehe dann in dich mit folgenden Fragen...

Warum bewundert dich dein Partner?

Beschreibe, was es dir bedeutet.

Welche Bedeutung hat das für euch als Paar? 

Die Antwort muss nicht perfekt sein. Sie darf unsicher klingen. Aber sie soll eine Antwort sein.

Komplimente annehmen ist keine Charakterfrage

Ein letzter Gedanke, der vielleicht der wichtigste ist.

Wer Komplimente abwehrt, tut das nicht aus Faulheit oder Sturheit. Es ist ein Schutzmechanismus. Wenn du dir nie sicher bist, ob du wirklich geliebt wirst, ist es riskant, ein Kompliment ernst zu nehmen. Was, wenn es nicht stimmt? Was, wenn er seine Meinung ändert?

Das Abwehren fühlt sich sicherer an. Aber es kostet etwas. Nämlich genau die Momente, in denen dein Partner dir zeigt, dass er dich sieht.

Marigold und ihr Team zeigen: Die stärksten Beziehungen sind die, in denen Partner bereit sind, Selbstschutz beiseite zu legen und Nähe zuzulassen. Komplimente annehmen ist eine Form davon. Und wie wir jetzt wissen: Man kann es üben. 

Literatur

Marigold, D. C., Holmes, J. G., & Ross, M. (2007). More than words: Reframing compliments from romantic partners fosters security in low self-esteem individuals.Journal of Personality and Social Psychology, 92(2), 232–248.https://doi.org/10.1037/0022-3514.92.2.232